Zu mir kam eine Patientin Elena, 34 Jahre. Sie sagt: «Ich putze 3 Minuten zweimal am Tag, fluoridhaltige Zahnpasta, kaum Süßes. Warum habe ich alle 6 Monate eine neue Füllung?» Ich habe sie untersucht. Zwei neue Karies gefunden, beide an den Approximalflächen, dort, wo die Bürste nicht hinkommt. Ihr Problem war keine schlampige Hygiene, sondern allein, dass sie nie Interdentalbürsten benutzt hat.

Solche Situationen sehe ich ständig. 16 Jahre Praxis haben mich überzeugt: Karies geht nicht um die Zahnbürste. Es geht um das System: die richtige Fluorid-Konzentration, die Zuckerhäufigkeit, die Reinigung der Zwischenräume, Fluoridlack, Fissurenversiegelung, Xylit, regelmäßige PZR. Wenn Sie nur eine Sache machen, ist das keine Prävention, das ist Glück.

Laut der Sechsten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS 6, 2021-2023) haben Erwachsene zwischen 35 und 44 Jahren im Durchschnitt einen DMFT-Wert von 8,3. Das sind Zähne, die bereits von Karies befallen, gefüllt oder extrahiert wurden. Das ist fast die Hälfte des Werts von 1989. Prävention wirkt. Aber nur, wenn sie konsequent angewendet wird. Hier sind meine 7 Regeln, die ich jedem Patienten in Hamburg gebe.


7 Wege, Karies wirkungsvoll vorzubeugen

1

Die richtige Zahnpasta, mit der richtigen Fluoridkonzentration

Nicht jede Zahnpasta schützt gleich gut. Laut der S3-Leitlinie der DGZMK (2025):

Kleinkinder mit ersten Milchzähnen: 1000 ppm Fluorid, reiskorngroße Menge (bis 24 Monate), danach erbsengroß. Erwachsene und Jugendliche: Zahnpasta mit 1000,1500 ppm Fluorid zweimal täglich. Bei erhöhtem Wurzelkariesrisiko (ältere Patienten, Mundtrockenheit): 5000 ppm, nur auf ärztliche Empfehlung.

Viele „natürliche" Zahnpasten ohne Fluorid sind Marketing, kein Schutz. Fluorid stärkt den Zahnschmelz und hemmt den Stoffwechsel kariogener Bakterien, das ist keine Meinung, sondern jahrzehntelange Evidenz.

2

Nicht die Menge des Zuckers zählt, sondern die Häufigkeit

Die WHO empfiehlt, freie Zucker auf unter 10 % der Energiezufuhr zu begrenzen. Für Karies ist jedoch die Häufigkeit mindestens genauso entscheidend: Jedes Mal, wenn Sie etwas Süßes essen oder trinken, sinkt der pH-Wert im Mund unter den kritischen Wert von 5,5, und die Demineralisierung des Schmelzes beginnt.

Eine Studie im Caries Research (Karger, 2019) zeigte: Eine Reduktion der Zuckermenge ohne Reduzierung der Einnahmehäufigkeit ist keine wirksame Kariesprävention. Ein Stück Kuchen nach dem Mittagessen ist weniger schädlich als vier kleine Kekse über den Tag verteilt. Gönnen Sie dem Speichel mindestens zwei Stunden Pause zwischen den Mahlzeiten.

3

Zahnzwischenräume täglich reinigen

Die Zahnbürste erreicht 35,40 % der Zahnoberflächen nicht. Approximalkaries, Karies zwischen den Zähnen, ist eine der häufigsten und unauffälligsten Formen.

Ein Cochrane-Review von 2019 ergab, dass Interdentalbürsten effektiver als Zahnseide zur Plaqueentfernung sind. Die deutschen Fachgesellschaften empfehlen tägliche Reinigung der Zahnzwischenräume, mit Zahnseide, Interdentalbürsten oder Munddusche, je nach Ihrer Zahnmorphologie. Das beste Hilfsmittel ist das, welches Sie täglich benutzen werden.

4

Fissurenversiegelung, bevor es zu spät ist

Die Fissurenversiegelung gehört zu den wirksamsten Kariesschutz-Maßnahmen bei Kindern. Der Versiegler verschließt natürliche Vertiefungen in den Kauflächen, wo die Zahnbürste nicht hinkommt.

Was Sie zur GKV-Leistung wissen sollten: Kauflächen der Zähne 6 und 7 (erste und zweite Molaren) bei Kindern von 6 bis 17 Jahren, vollständig von der GKV übernommen. Milchzähne und Prämolaren sind Privatleistung. Optimaler Zeitpunkt: direkt nach dem vollständigen Durchbruch des bleibenden Zahns, bevor Karies entsteht.

5

Xylit nutzen, als Ergänzung, nicht als Ersatz

Xylit ist ein natürlicher Zuckerersatz, den kariogene Bakterien (Streptococcus mutans) nicht fermentieren können. Ein systematischer Review von 2024 zeigte: Xylithaltige Kaugummis bei regelmäßiger Anwendung (3× täglich, mind. 5,6 g gesamt) reduzieren nachweislich S. mutans-Keimzahlen und neue Kariesläsionen, besonders bei Patienten mit hohem Kariesrisiko.

Xylit ist eine Ergänzung zur Mundhygiene, kein Ersatz. Zuckerfreier Kaugummi nach dem Essen, wenn Zähneputzen nicht möglich ist, ist eine sinnvolle Gewohnheit.

6

Professionelle Zahnreinigung (PZR) nicht vernachlässigen

Die Professionelle Zahnreinigung (PZR) ist keine GKV-Regelleistung und kostet in der Regel 80,120 €. Viele Kassen bezuschussen sie teilweise, fragen Sie bei Ihrer Kasse nach.

Langzeit-Studien aus Schweden zeigen: Bei regelmäßiger PZR als Teil eines Präventionsprogramms sind Karies und Parodontitis nahezu vollständig vermeidbar. Die PZR umfasst Fluoridierung und Hygieneberatung, beides evidenzbasiert wirksam. Empfohlene Häufigkeit: 1,2 Mal pro Jahr.

7

Bonusheft führen und Vorsorgeuntersuchungen nicht versäumen

Das Bonusheft ist ein Instrument, das viele Patienten unterschätzen. Hier werden jährliche Vorsorgebesuche dokumentiert, und davon hängt der GKV-Zuschuss zu Zahnersatz ab:

5 Jahre lückenloser Nachweis → GKV übernimmt 70 % der Festzuschüsse (statt 60 %). 10 Jahre → 75 %. Ab 2025 wird das Bonusheft digital in der ePA (elektronischen Patientenakte) geführt.

Frühzeitige Diagnose von Karies im Initialstadium (weißer Fleck, noch keine Kavität) erlaubt die Behandlung ohne Bohrer. Falls Sie Zahnarztangst haben und den Besuch deshalb meiden, es gibt bewährte Wege, damit umzugehen.


Was die GKV zur Kariesvorbeugung übernimmt

Leistung GKV-Übernahme
Jährliche Vorsorgeuntersuchung Ja, vollständig
Fissurenversiegelung (6,17 Jahre, Zähne 6 und 7) Ja, vollständig
Professionelle Zahnreinigung (PZR) Nein (viele Kassen teilweise)
Fluoridlack bei Kindern mit erhöhtem Risiko Ja
Bonusheft-Führung Ja

Kariesprävention ist kein einmaliger Zahnarztbesuch im Jahr. Es ist ein tägliches System: die richtige Zahnpasta, weniger häufige Zuckerkontakte, tägliche Zahnzwischenraumreinigung, regelmäßige PZR und das gewissenhaft geführte Bonusheft. In Deutschland ist die Infrastruktur dafür vorhanden, man muss sie nur nutzen.


3 Produkte, die Zähnen am meisten schaden

In 16 Jahren habe ich tausende Patienten gesehen, und immer dieselben Übeltäter für neue Karies. Nicht Süßigkeiten, wie Sie denken.

1. Erfrischungsgetränke (Cola, Sprite, Energy Drinks)

pH einer klassischen Cola: 2,5. pH von Red Bull: 3,3. Der Schmelz beginnt sich bei pH unter 5,5 aufzulösen. Jeder Schluck Cola bedeutet 20-40 Minuten Säureangriff auf den Schmelz. Wenn Sie Cola trinken, dann mit Strohhalm und auf einmal, nicht 2 Stunden lang nippen.

2. Trockenfrüchte (Rosinen, Datteln, Aprikosen)

Patienten halten das für «gesund». In Wirklichkeit enthalten Trockenfrüchte bis zu 60-80% Zucker und kleben stundenlang an den Zähnen. Eine Handvoll Rosinen ist schlimmer als eine Schokoladentafel, weil die Schokolade schnell abgewaschen wird, während die Rosinen in den Fissuren bleiben.

3. Säfte (auch frisch gepresst)

«Das ist doch natürlich, mit Vitaminen». Ja, aber pH von Orangensaft 3,5, und ein Glas Saft enthält Zucker wie 6 Teelöffel. Wenn Sie einem Kind den ganzen Tag Saft statt Wasser geben, hat das denselben Effekt, als würden Sie ihm alle 30 Minuten Süßigkeiten geben.


Wie ich das Kariesrisiko eines Patienten einschätze

Nicht alle Patienten sind gleich. Ich unterscheide drei Risikostufen, und das Prophylaxeprotokoll richtet sich nach der Stufe.

Niedriges Risiko

0-1 Füllung in den letzten 5 Jahren, gute Hygiene, wenig Zucker, normaler Speichelfluss. Diesen Patienten: Kontrolle einmal jährlich, PZR einmal jährlich, Paste mit 1450 ppm Fluorid, keine Zusatzmaßnahmen.

Mittleres Risiko

2-3 Füllungen in 5 Jahren oder aktueller offener Karies. PZR alle 6 Monate, Fluoridlack 2-mal jährlich, jeden Abend Interdentalbürsten, eventuell 5000-ppm-Paste für 3 Monate.

Hohes Risiko

Vier oder mehr neue Füllungen in 5 Jahren, Xerostomie (Mundtrockenheit), Diabetes, Chemotherapie, festsitzende Zahnspange. PZR alle 3 Monate, Fluoridlack 4-mal jährlich, 5000-ppm-Paste täglich, CHX-Gel lokal, Ernährungsberatung. Ohne das treten alle 4-6 Monate neue Karies auf.