Thomas, 52 Jahre, kam zu mir mit der Klage «meine Zähne wackeln». 20 Jahre Raucher, beim Zahnarzt seit 5 Jahren nicht. Bei der Sondierung: Taschentiefe 6-7 mm, BOP 60%, anfänglicher Knochenverlust 30% im Röntgen. Klassisches Stage III Grade C Parodontitis. «Doktor, ist das heilbar?» Ich erklärte: «Ja. 2021 hat Deutschland die PAR-Richtlinie komplett neu geschrieben. Jetzt übernimmt die GKV den gesamten Behandlungsverlauf und 2 Jahre Nachsorge kostenfrei. Davor zahlten Patienten wie Sie privat 2000-3500 €». Nach 4 Monaten lag Thomas' BOP bei 12%, Taschen 3-4 mm, die Zähne hielten. Der Knochen kam nicht zurück, aber die Erkrankung stoppte.

Parodontitis ist eine chronische bakterielle Zahnfleischinfektion mit Knochenverlust und Zahnverlustrisiko. In Deutschland sind 50% der 35-44-Jährigen, 65% der über 65-Jährigen betroffen (DMS-V). Die häufigste Ursache für Zahnverlust bei Erwachsenen, nicht Karies. In diesem Artikel: das neue Behandlungsprotokoll seit 2021 (PAR-Richtlinie), GKV-Leistungen, Kosten ohne Versicherung und warum mich 16 Jahre Praxis überzeugt haben, dass Parodontitis selbst im Stage III gestoppt werden kann, wenn man rechtzeitig kommt.


Was am 1. Juli 2021 passierte

An diesem Tag trat die neue PAR-Richtlinie (Richtlinie zur systematischen Behandlung von Parodontitis) in Kraft. Herausgegeben vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), basiert sie auf der Chicago Classification 2018 und regelt erstmals den gesamten Behandlungsweg. von der Diagnose bis zur mehrjährigen Nachsorge.

Das neue Klassifizierungssystem

Schweregrad (Stage I,IV):

Stage I: Leicht, Attachmentverlust bis 2 mm. Stage II: Moderat, Taschen bis 5 mm, kein Zahnverlust. Stage III: Schwer, vertikaler Knochenverlust. Stage IV: Sehr schwer, Zahnlockerung, Funktionsstörung.

Progressionsgrad (Grade A,C):

Grade A: Langsame Progression. Grade B: Moderat. Grade C: Schnelle Progression, Risikofaktoren (Rauchen, Diabetes).

PSI. Screening für alle

Der Parodontale Screening-Index (PSI) sollte mindestens einmal jährlich durchgeführt werden. PSI 3,4 bedeutet: Vollständige parodontologische Diagnostik und systematische Therapie erforderlich.


Behandlungsschritte nach der neuen Richtlinie

1

AIT. Antiinfektiöse Therapie

Professionelle Entfernung von Plaque und Zahnstein. ober- und unterhalb des Zahnfleischsaums (Scaling und Root Planing). Unter Lokalanästhesie, aufgeteilt auf mehrere Sitzungen. Kassenleistung.

2

Reevaluation. Erfolgskontrolle

8,12 Wochen nach AIT: erneute Taschenmessung. Bei persistierend tiefen Taschen ist eine parodontalchirurgische Intervention möglich. ebenfalls GKV-Leistung bei Indikation.

3

UPT. Unterstützende Parodontitistherapie

Die wichtigste Neuerung: strukturierte Nachsorge für zwei Jahre nach der aktiven Therapie. GKV übernimmt Termine alle 3,6 Monate. Vor 2021 war UPT keine Kassenleistung. Jetzt schon.

Wichtige Voraussetzung

Vor Therapiebeginn muss eine Genehmigung der Krankenkasse eingeholt werden. Ohne Genehmigung keine Kostenübernahme.


Rote Flaggen: wann dringend zum Zahnarzt

Parodontitis tut im Frühstadium nicht weh. Hier 5 Zeichen, die Sie innerhalb von 2-3 Wochen zum Arzt führen sollten.

1. Tägliches Zahnfleischbluten

Blut auf der Bürste nach 2+ Wochen ist nicht «zu starker Druck». Das ist Gingivitis oder beginnende Parodontitis. In 90% der Fälle lässt es sich mit einer PZR und besserer Hygiene stoppen.

2. Mundgeruch, der nicht verschwindet

Persistierende Halitosis trotz Putzen, Zungenschaber und Mundspülung deutet oft auf aktive Parodontitis hin. Bakterien in den Taschen produzieren VSC (Schwefelverbindungen).

3. «Längere» Zähne

Zähne wirken länger als früher. Das ist keine Einbildung, sondern echter Zahnfleischrückgang (Rezession). Klassisches Zeichen mittlerer bis schwerer Parodontitis.

4. Zahnlockerung

Wackelt ein Zahn beim Druck mit der Zunge, ist das Stage III oder IV. Sofort handeln. Ohne Therapie kann er in 6-24 Monaten ausfallen.

5. Eiter- oder Metallgeschmack

Andauernder unangenehmer Geschmack deutet oft auf einen aktiven Abszess in einer Tasche hin. Notfall, 116 117 oder Zahnarzt innerhalb von 24 Stunden.


Was Sie zu Hause während der Therapie tun sollten

Die PAR-Therapie wirkt nur mit häuslicher Hygiene. Ohne sie ist der Rückfall garantiert.

2x täglich putzen, Bass-Technik

Elektrische Bürste im «sensitive»-Modus oder Handzahnbürste mit weichen Borsten. 2 Minuten, kurze vibrierende Bewegungen im 45-Grad-Winkel zum Zahnfleisch. Länger heißt nicht besser, die Technik zählt.

Interdentalbürsten jeden Abend

Keine Zahnseide, sondern Interdentalbürsten. Cochrane 2019: 30% effektiver als Zahnseide. Größe ISO 0-4 je nach Lücke, der Zahnarzt passt das in der UPT an. Abendessen, Bürsten, Interdentalbürsten, Bett.

CHX 0,1% als Kurzkur

2 Wochen nach AIT, 1 Minute am Tag spülen. Nicht länger: braune Verfärbungen, Mikrobiom-Verschiebung. Curasept ADS oder Meridol med sind die besten für die längere Anwendung.

Rauchen aufgeben

Rauchen ist Risikofaktor Nr. 1. Raucher verlieren Zähne 4-7-mal häufiger. Nach 5 Jahren ohne Zigarette gleich hoch wie bei Nichtrauchern. Die Hamburger Suchtberatung hilft kostenlos.

Diabetes kontrollieren

HbA1c sollte unter 7% liegen. Bei schlechter Einstellung wirkt die PAR-Therapie schlecht. Vor der AIT mit dem Hausarzt die Stoffwechseleinstellung optimieren. Auch sein Bereich.

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