Eine Patientin klagt: «Doktor, ich habe im letzten Jahr vier neue Karies bekommen, aber ich habe nichts geändert». Ich frage nach. Nimmt sie regelmäßig Medikamente? Stellt sich heraus: vor einem Jahr hat sie Antidepressiva angefangen. Alles klar. Ihr Mund ist ausgetrocknet, und niemand hält mehr die Säure auf. Daher die neuen Karies.
Ich behandle so, wie ich selbst behandelt werden möchte. Das bedeutet erklären, was passiert. Wenn ein Patient den Zusammenhang zwischen Mundtrockenheit und seinen Zähnen versteht, beginnt er Speichel nicht als «langweilig» wahrzunehmen, sondern als Hauptverteidigung der Zähne.
Mundtrockenheit heißt fachlich Xerostomie. Es ist keine Erkrankung, sondern ein Symptom. Laut Deutscher Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) betrifft Xerostomie 20-30% der Erwachsenen. Mit dem Alter wird es häufiger: bei über 65-Jährigen fast die Hälfte. Heute gehen wir durch, warum Speichel so wichtig ist, was ihn «tötet», und was zu tun ist.
Warum Speichel so wichtig ist
Speichel ist kein «Wasser im Mund». Es ist eine biologische Flüssigkeit mit konkreten Funktionen. Ein gesunder Mensch produziert etwa 1-1,5 Liter Speichel pro Tag. Und jeder Tropfen tut seinen Job.
Funktionen des Speichels
- Neutralisiert Säuren. Speichel hat einen neutralen pH von 6,5-7,0. Nach saurem Essen oder Trinken bringt er den pH innerhalb von 20-30 Minuten wieder in den Normalbereich.
- Spült Bakterien weg. Ständige Speichelzirkulation reinigt Zähne und Zahnfleisch mechanisch.
- Enthält Mineralien. Kalzium und Phosphat aus dem Speichel kehren in den Schmelz zurück (Remineralisation). Das ist die «Reparaturwerkstatt» der Zähne.
- Antibakterielle Substanzen. Lysozym, Lactoferrin, IgA-Antikörper. Speichel ist Teil der Immunabwehr.
- Schützt die Schleimhaut. Befeuchtet Zahnfleisch, Zunge, Wangen. Ohne Speichel reißt die Schleimhaut, Geschwüre entstehen.
- Hilft Geschmack und Schlucken. Ohne Speichel wird die Nahrung nicht ausreichend benetzt, Schlucken schmerzt.
Wenn wenig Speichel vorhanden ist, fallen all diese Funktionen aus. Und das Erste, das leidet, sind die Zähne.
Woher kommt Mundtrockenheit: die Hauptursachen
1. Medikamente (häufigste Ursache)
Über 500 Präparate können die Speichelproduktion reduzieren. Die wichtigsten Gruppen:
- Antidepressiva (SSRI, trizyklische)
- Antihistaminika (Allergiemittel)
- Blutdrucksenker (besonders Diuretika)
- Mittel gegen Harninkontinenz (Anticholinergika)
- Opioid-Schmerzmittel
- Parkinson-Medikamente
- Chemotherapeutika
Ich bitte meine Patienten immer, beim ersten Termin eine Liste ihrer Medikamente mitzubringen. Wenn ich eine Kombination von 3-4 Präparaten aus dieser Liste sehe, weiß ich, was zu erwarten ist: trockener Mund und beschleunigte Karies.
2. Systemerkrankungen
Sjögren-Syndrom. Autoimmunerkrankung, die die Speicheldrüsen angreift. Klassischer Fall «trockener Mund plus trockene Augen». Häufiger bei Frauen über 40-50. Wenn Sie sowohl im Mund als auch in den Augen Trockenheit haben, sollten Sie sich beim Rheumatologen auf Sjögren untersuchen lassen.
Diabetes. Hohe Blutzuckerwerte entziehen Wasser aus den Geweben. Mundtrockenheit ist oft das erste Symptom eines unkontrollierten Diabetes. Wenn Sie trockenen Mund haben und viel trinken, prüfen Sie den Blutzucker.
Rheumatoide Arthritis, Lupus, Schilddrüsenerkrankungen. Alle Autoimmunerkrankungen gehen oft mit Xerostomie einher.
3. Krebsbehandlung
Strahlentherapie im Kopf-Hals-Bereich schädigt oft die Speicheldrüsen. Die Trockenheit kann dauerhaft sein. Diese Patienten brauchen eine besondere zahnärztliche Betreuung.
4. Dehydration und Mundatmung
Die einfachste Ursache. Schnarchen und nächtliche Nasenverstopfung führen dazu, dass Sie 7-8 Stunden pro Nacht durch den Mund atmen. Der Speichel verdunstet. Am Morgen ist der Mund wie eine Wüste. Diese Trockenheit ist lokal und gut korrigierbar.
5. Stress, Angst, Rauchen, Alkohol
Alle diese Faktoren reduzieren entweder die Speichelproduktion (Stress, Rauchen) oder verursachen Dehydration (Alkohol).
6. Alter
Die Speicheldrüsen produzieren mit zunehmendem Alter weniger Speichel. Aber der wahre Schuldige bei älteren Menschen ist oft nicht das Alter an sich, sondern mehrere Medikamente gleichzeitig. Medikamente anpassen, Befeuchter hinzufügen, und die Situation verbessert sich.
Warum Mundtrockenheit nicht nur unangenehm ist: was mit den Zähnen passiert
Viele Patienten denken, ein trockener Mund sei einfach «unangenehm». Das stimmt nicht. Es ist eine aktive Bedrohung für die Zähne.
Karies entsteht 3-5 mal schneller. Ohne Speichel bleibt der pH im Mund länger sauer. Schmelz löst sich schneller auf. In meiner Praxis kommen Patienten mit Xerostomie mit 3-4 neuen Karies pro Jahr, während ein gesunder Patient 10 Jahre ohne neuen Karies auskommen kann.
Karies entsteht an untypischen Stellen. Am Zahnfleischrand, an Zahnwurzeln, sogar an den Zahnhälsen. Das ist «Wurzelkaries», die schwer zu behandeln ist, weil die Wurzel nicht von Schmelz bedeckt ist, sondern nur von dünnem Zement.
Pilzinfektionen im Mund. Candida (Mundsoor) entwickelt sich oft auf trockener Schleimhaut. Rote Flecken auf der Zunge, Brennen, schlechter Geschmack.
Probleme mit Prothesen. Herausnehmbare Prothesen sitzen bei trockener Schleimhaut schlecht. Druckstellen, Geschwüre.
Mundgeruch. Ohne Speichel vermehren sich Bakterien ungehindert.
Probleme mit Sprechen und Schlucken. Besonders nachts. Patienten wachen oft auf, um Wasser zu trinken.
Was tun: 7 Schritte
Was ich Patienten mit Mundtrockenheit empfehle
💧 Trinken Sie häufig Wasser in kleinen Schlucken. Nicht einmal viel auf einmal. Konstante Befeuchtung ist effektiver.
🍬 Zuckerfreier Kaugummi mit Xylit. Stimuliert den Speichelfluss mechanisch. Xylit unterdrückt zusätzlich kariesfördernde Bakterien.
💧 Mundbefeuchter. Biotene Mundspülung, GUM Hydral, Xerostom, BioXtra. Gele und Spülungen. In Deutschland in Apotheken erhältlich. Besonders nachts hilfreich.
🚫 Keine alkoholhaltigen Mundspülungen. Alkohol trocknet aus. Achten Sie auf «alkoholfrei» auf der Verpackung.
💊 Sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt (nicht dem Zahnarzt). Vielleicht lässt sich das Medikament durch ein Analog ohne den Trockenheits-Nebeneffekt ersetzen. Ich rate Patienten immer, das mit dem verschreibenden Arzt zu besprechen.
🪥 Zahnpasta mit 1450 ppm Fluorid Pflicht. Manchmal verschreibt der Zahnarzt 5000 ppm. Das ist eine rezeptpflichtige Paste (Duraphat in Deutschland), aber sie rettet Patienten mit starker Trockenheit buchstäblich die Zähne.
👨⚕️ Zahnarzt alle 3-4 Monate. Nicht einmal im Jahr. Kariesvorsorge und PZR öfter sind bei Xerostomie eine Notwendigkeit, nicht Luxus.