Irina, 74 Jahre, kam mit einer neuen Vollprothese aus einer anderen Praxis. Sie konnte nicht sprechen, die Prothese fiel runter, das Zahnfleisch tat weh. Ich schaute: alte Bauart, Acryl, ohne Implantate. Sie nahm 5 Medikamente (Blutdruck, Herz, Depression, Diuretikum, Antihistaminikum). Mundtrockenheit 9/10. Ich erklärte: «Irina, das Problem ist nicht die Prothese. Sie haben Xerostomie durch Polypharmazie und 50% Alveolaratrophie nach 5 Jahren ohne Zähne. Eine Deckprothese auf 2 Locatoren für 5500 € löst beides». Drei Monate später aß sie wieder Steak. Solche Situationen sehe ich bei 70+ Patienten jede Woche.

Das hohe Alter bringt eigene zahnmedizinische Herausforderungen: Xerostomie durch Medikamente, Knochenverlust, Candida unter der Prothese, fortschreitende Parodontitis, Veränderungen von Zahnfarbe und Transparenz. Bei den 65+-Patienten in Deutschland haben 32% eine Vollprothese, 45% eine Teilprothese, 12% Implantate (DMS 6 2023). Ich erkläre, wie ich Senioren behandle: Pflege des Speichels, Unterfütterung der Prothese, GKV-Übernahme und wann ein Implantat noch sinnvoll ist.


Mundtrockenheit: wenn Medikamente den Speichel stehlen

Xerostomie. der medizinische Fachbegriff für Mundtrockenheit. ist zu einer echten Epidemie unter älteren Menschen geworden. Die Ursache: Medikamente. Laut medizinischer Fachliteratur haben über 400 Arzneimittel Mundtrockenheit als Nebenwirkung.

Die gefährlichsten Gruppen: Urologische Präparate erhöhen das Xerostomie-Risiko fast um das 6-fache (OR = 5,91), Antidepressiva fast um das 5-fache (OR = 4,74), Antipsychotika um das 2,6-fache. Dazu kommen Diuretika, Blutdruckmittel, Antihistaminika.

Ein Mensch ab 70 Jahren, der 5,7 Präparate nimmt (Polypharmazie), hat praktisch garantiert einen reduzierten Speichelfluss. selbst wenn er das nicht deutlich bemerkt.

Warum das für Prothesenträger kritisch ist

Speichel ist nicht nur Feuchtigkeit. Er wirkt antibakteriell, schützt die Schleimhaut und dient als „Gleitmittel" für die Prothese. Bei Xerostomie: Die Prothese hält schlecht, das Kariesrisiko steigt stark, die Schleimhaut unter der Prothese entzündet sich (Prothesenstomatitis).


Pflegeregeln für herausnehmbare Prothesen

Täglich

Prothese nachts herausnehmen. das Zahnfleisch braucht Erholung. Mit einer speziellen Bürste unter fließendem Wasser reinigen. ohne Zahnpasta (Pasta ist abrasiv und kratzt Acryl). Brausetabletten verwenden (Prothesenreiniger, z.B. Corega Tabs). töten Bakterien und Candida-Pilze ab.

Alle 5,7 Jahre

Die Prothese muss erneuert werden. Zahnfleisch und Knochen verändern sich. Eine Prothese von vor 10 Jahren sitzt nicht mehr richtig. auch wenn sie „noch hält".

Was die GKV zahlt

Die GKV übernimmt Grundformen des Zahnersatzes über das System der Festzuschüsse. Bei vollständig geführtem Bonusheft über 5 Jahre erreicht der Zuschuss 70%, über 10 Jahre 75%. Bei Einkommen unter 1.582 € monatlich gilt die Härtefallregelung. vollständige Kostenübernahme der Basisversorgung.

Implantatgetragene Prothese. moderne Alternative

Für ältere Patienten mit vollständigem Zahnverlust im Unterkiefer eine gut untersuchte Lösung: Stegprothese auf 2,4 Implantaten. Der Patient entnimmt sie zur Reinigung, tagsüber ist sie jedoch fest verankert. Kosten: 10.000,18.000 € pro Kiefer. Die GKV übernimmt nur den Prothesenanteil, nicht die Implantate.

Was bei Mundtrockenheit hilft

💧 Wasser in kleinen Schlucken über den Tag verteilt trinken

🍬 Zuckerfreien Kaugummi kauen. regt den Speichelfluss an

💊 Speichelersatzmittel in der Apotheke: Biotène, Xerodent (Gele, Sprays, Pastillen)

🩺 Mit dem Hausarzt über eine Anpassung der Medikamentenliste sprechen


5 Probleme, die ich bei Senioren wöchentlich behandle

Konkrete Fälle aus 16 Jahren Praxis.

1. Candida unter der Prothese (Prothesenstomatitis)

Rote, entzündete Schleimhaut, Brennen, Unbehagen. Verursacht durch Candida albicans. Häufig bei Patienten, die die Prothese nachts nicht herausnehmen. Behandlung: Nystatin-Creme 2 Wochen + Prothesenreinigung mit CHX + Prothese nachts ZWINGEND herausnehmen.

2. Wurzelkaries (Root Caries)

Mit dem Alter zieht sich das Zahnfleisch zurück, die Wurzel ohne Schmelz wird sichtbar. Auf Wurzelzement entsteht Karies 3-5 mal schneller. Ich nutze Duraphat-Fluoridlack 4-mal jährlich + 5000-ppm-Zahnpasta auf Rezept.

3. Polypharmazie und Wechselwirkungen

Antikoagulanzien (Marcumar, Eliquis) müssen vor OPs mit dem Kardiologen abgestimmt werden. Bisphosphonate (Osteoporose) haben ein hohes Risiko für ONJ (Kiefernekrose) nach Extraktion. Ich frage immer nach Medikamenten vor Operationen.

4. Kognitive Einschränkungen

Bei Demenz/Alzheimer vergessen Patienten Zähne und Prothese zu putzen. Pflegekräfte müssen Prothese und Zahnfleisch 2-mal täglich reinigen. Ich kooperiere mit Pflegediensten in Hamburg und gebe schriftliche Anweisungen.

5. Atrophie des Kieferkamms

5-10 Jahre Zahnlosigkeit → 60% Knochenverlust. Die Prothese hält schlecht. Lösung: 2 Implantate im Unterkiefer (Locator-Overdenture), stabilisiert radikal. Gesamtkosten 4000-6500 €.